Eins, zwei, Baum – One, two, t(h)ree

Es ist kaum zu glauben, dass jetzt schon wieder drei weitere Moenatchen voruebergegangen sind, und das dies wohl oder uebel bedeutet, dass der Halbzeitpfiff schon ertoent! Man muesste glatt Einstein dazu befragen, wie es dazu kommt, dass in dem kleinen Andendorf Independencia, die Zeit mit Lichtgeschwindigkeit voranschreitet. Meinem eigenen begrenzten Genius ist dieses Phaenomen naemlich unerklaerlich!

Die Routine, die ich im letzten Bericht schilderte, ging noch bis zu den Schulferien so weiter. Dann leerte sich das Haus ploetzlich, denn alle meine lieben Maedchen gingen in ihre entlegenen Comunidades aus denen sie kommen. Und viele gingen tatsaechlich, denn fuer einige bedeutet ein nach Hause gehen ein Fussmarsch von bis zu vierzehn Stunden, wenn sie keinen von diesen offenen Kleinlastwagen finden, die sie mitnehmen.

Fuer uns Voluntarias wiederum bedeutete dies, dass wir mehr im Haus eingesetzt wurden, was zum Beispiel hies, das Telefon zu hueten, Besucher zu empfangen, die Voegel zu versorgen und durch kleinere Arbeiten dafuer zu sorgen, dass alles so weiterlaeuft, wie es soll. Unter anderem wurde dann auch noch ein grosses Kindergartenpuppenbade-, kaemm, und -reparaturfest veranstaltet. In dieser Zeit lernten wir so das Sozialzentrum selber und vor allem seine Mitarbeiter noch viel besser kennen!

Im Januar bekam ich dann noch die Moeglichkeit eine ganz besondere Erfahrung zu machen, als ich fuer drei Wochen in einer Gesundheitsstation arbeiten durfte. Der Ort war recht „nah“ gelegen, sodass wir, ich und die Krankenschwester, nur etwa fuenf Stunden dorthin liefen. Aber schon der Weg dorthin war, wie alle Spaziergaenge hier in den Bergen, wunderschoen! Wenn wir da in und ueber den Wolken laufen, kommt es mir immer vor, als befaenden wir uns direkt in einem dieser Kalenderbilder von magischen Traumwelten. Meist erscheint es mir dann ein wenig absurd, wenn ich mir vorstelle wie ich zum Teil mit meinem laecherlichen Regenpocheo in diesen Bildern herumspaziere. Da kann man schon mal mit Recht feststellen, „Die spinnen doch, die Gringos!“. Das vor allem, weil die Bolivianer selbst als Regenschutz meist nichts weiter verwenden, als ihre Huete und vielleicht noch eine Plastikplane. So war unsere Wanderung also zugleich bezaubernd und abenteuerlich, denn mit dazu gehoerten auch einige Bach- und Flussueberquerungen. Ueberall entstehen in der Regenzeit naemlich neue Wasserlaeufe, die dreisterweise ganz und gar nicht die menschliche Wegefuehrung beruecksichtigen. So kam es, dass wir bei einer ebensolchen Ueberquerung einmal fast bis zu den Knien versanken, und als wir uns dann aus dem Sog befreit hatten, mussten wir feststellen, dass sich die Sohle des Turnschuhs von der Krankenschwester fast voellig geloest hatte. Aber die wurde dann eben mit dem Schnuersenkel irgendwie festgebunden, und weiter gings!

Der Ort in den wir schliesslich kamen, war dann nocheinmal ganz anders als Independencia, denn waehrend es dort in vielen Hausern kleine „Tante-Emma-Laeden“ gibt, gab es hier so gut wie nichts zu kaufen. Ausserdem ist das Doerfchen tagsueber regelmaessig ausgestorben, da alle sich um ihre Tiere und Felder zu kuemmern hatten.

Das ist wirklich verrueckt, da ist Bolivien selbst schon eine andere Welt, und dann gibt es hier noch weitere „Unterwelten“, die da sind „Stadt“, „Provinzhauptstadt“ und „Land“, sowie gibt es desweitern ja noch regions- und klimabezogen ganz verschieden Menschengruppen!

Die Gesundheitsstation wird von einer einzigen Krankenschwester betreut, deren Titel ironischerweise „Hilfskraft“ ist. Ausser den Kranken ist abaer keiner da, dem sie helfen koennte, so dass sie eigentlich mit der vollen Verantwortung einer Aerztin arbeitet. Unsere Arbeit bestand dann darin, dass wir ungefaehr jeden zweiten Tag loszogen um eine der sechs noch weiter abgelegenen Dorfgemeinschaften zu besuchen. Das bedeutete immer wieder schoene Wanderungen ueber Stock und Stein, und schliesslich den Besuch der Familine in ihren Hauesern. Obwohl ich von den Gespraechen nie etwas verstand, da ja alle hier Quetschua sprechen, war es fuer mich eine ganz besondere Erfahrung, dem Leben der Campesinos so nah zu sein. Und immer immer waren es gute Menschen, die mich mit ihren wunderschoenen Laecheln faszinierten! Oft wurden wir sogar zum Essen eingeladen. Kartoffelsuppe, oder Mais mit einem Stueck Kaese gab es dann meist – eben das wovon dich die Leute auf dem Land auch hauptsaechlich ernaehren. Unsere Patienten waren vor allem Kinder, die geimpft, gemessen und gewogen, und mit Vitaminen bzw. die Kleinen auch mit einer Art Nahrungsergaenzung versorgt wurden. Ansonsten gab es zum Beispien noch Schwangerschaftskontrollen, ein Maedchen musste genaeht werden, ein demolierter Finger behandelt und als absoluten Hoehepunkt erlebte ich sogar noch eine Entbindung!

Nach dieser interessanten Zeit erwartete mich dann noch eine weitere Herausforderung. Nach meiner Kindergartenzeit wurde ich naemlich „eingeschult“. Meine neue Aufgabe besteht jetzt darin, der Englischlehrerin in Schule und Colegio zu helfen. Es ist ja allgemein recht gut bekannt, dass es mit den Englischkenntnissen hier nicht allzuweit her ist, und ausgerechnet ich wo ich doch voellig ohne jeglische Ambitionen bin jemals einen Lehrberuf zu ergreifen soll da jetzt etwas unternehmen…! Aber was solls, aus neuen Erfahrungen lernt man ja stets auch etwas! So unterrichten wir also alle Klassen von der siebten bis zur zwoelften, der Abiturklasse. Dies ist moeglich, da alle nur eine einzige Dopelstunde in der Woche haben. Noch dazu existieren keine Lehrbuecher und von einem effektiven Unterricht wie ich ihn zum Teil kenne, sind wir ziemlich wiet entfernt. So wird es dann doch langsam verstaendlich, dass von Jahr zu Jahr zo gut wie keine Wissenssteigerung stattfindet. Diese Tatsache wurde mir auch sofort klargemacht, als ich nach der ersten Woch die „Diagnosticos“, eine Art Einstufungstest bei dem die Schueler zehn beliebige Saetze aufschreiben mussten, zu korigieren hatte. Da kamen oft voellig verquere Sachen und auch das schoene Spruechlein „He, She, It das „S“ muss mit!“ erfreut sich hier absolut keiner Beliebtheit. Dementsprechend machen wir auch in allen Klassen das Gleiche. In der zweiten Woche war das das Lied „The lion sleeps tonight“. Was mich wieder einmal dazu brachte eine Sache zu machen, von der ich mir nie haette vorstellen koennen, dass ich sie tun wuerde. Denn da wir weder CD noch CD-Player haben, pfeife ich mit meiner Blockfloete in den Klassen herum! Zum Glueck ist die hier nicht so sehr als das typische Kinderinstrument bekannt, so dass es nur mir etwas laecherlich erscheint… Immer mehr laesst mich die Lehrerin aber auch alleine, denn oft erledigt sie im Unterricht ihren Papierkram, und dann faellt ihr ein, dass sie irgendetwas irgendwo hinbringen, oder irgendjemanden etwas fragen muss. Eine gute Uebung, denn als Hoehepunkt hatte ich dann gleich zwei Klassen alleine, als sie verreisen musste! Ich haette es nie gedacht, aber irgendwie ging auch das! Aber klar, auch die Schueler sind wie alle Leute hier angenehm, so dass ich mich in den Klassen eigentlich nicht unwohl fuehle! Natuerlich sind sie auch lustig und machen ihre Witzchen, aber nie irgendwie boese! Nur eine achte Klasse gibt es, die ist ganz genauso verrueckt, wie meine es damals war…

Ich bin sehr gspannt, wie das hier mit dem Englisch weitergeht! Aber zunaechst kam ja der Karneval, mit vielen vielen Wasserbomben…! Denn das sich gegenseitig Nassmachen gehoert hier genauso zum Fasching wie das Tanzen und die Teufel…! Aber immerhin haben wir Sommer!